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Osborns Irrtum - was Brainstorming wirklich bringt
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Osborns Irrtum - was Brainstorming wirklich bringt

Osborns Irrtum - was Brainstorming wirklich bringt


Wenn die zündende Idee fehlt, kommt der Klassiker der Kreativitätstechniken zum Einsatz: das Brainstorming von Alexander Osborn. Nach neuen wissenschaftlichen Erkenntnissen scheint Osborns "Gedankensturm" jedoch nicht die beste Wahl bei der Ideenfahndung. Hat sich der Altmeister geirrt?


"Dann machen wir eben ein Brainstorming", lautet der Standardsatz in vielen Arbeitsgruppen, wenn Lösungen zu einem Problem gesucht werden. Doch die Gruppenjagd auf den genialen Einfall, so wie es Alexander Osborn Ende der fünfziger Jahre vorgeschlagen hat, ist der falsche Weg zur Erkenntnis.  

Für Dr. Jörg Munkes, Psychologe an der Eberhard-Karls-Universität Tübingen, ist der Fall klar: Das klassische Brainstorming hat erhebliche Schwächen. "Die Regeln, die Osborn für das Brainstorming aufgestellt hat, sind richtig und seine Annahmen, mit denen er die verbesserte Ideenproduktion begründete, stimmen zum Teil auch. Aber es gibt Nebeneffekte, die Osborns Annahmen mehr als kompensieren." Der Tübinger Wissenschaftler hat sich mehrere Jahre mit Brainstorming wissenschaftlich auseinandergesetzt und seine Ergebnisse entlarven die bekannteste und beliebteste Kreativitätstechnik als Mythos.


Brainstorming: gegenseitige Gedankenstimulation

Beim Brainstorming sucht eine Gruppe Menschen gemeinsam nach Ideen. Nach der ursprünglichen Vorschrift für das Brainstorming riefen sich die Gruppenmitglieder ihre Ideen laut zu. Daraus entwickelte sich die heute praktizierte Variante, bei der die Teilnehmer ihre Ideen nennen, alle genannten Ideen aber an einer Tafel oder auf einem großen Papierbogen notiert werden. Damit kann jeder der Ideensucher zu jedem Zeitpunkt auf bereits genannte Einfälle zurückgreifen und diese weiterentwickeln.

Osborns Grundlage zum Brainstorming: Ein Vorschlag von Gruppenmitglied Mayer könnte Gruppenmitglied Schulze auf neue Gedanken bringen. Ruft Schulze seine neue Idee ins Plenum, könnte diese wiederum Schmidt zu einem Einfall verhelfen. Der Vorschlag "schwimmen" eines Gruppenmitglieds könnte bei einem anderen die Assoziation "Boot fahren" wecken. Die Gruppe stimuliert sich gegenseitig bei der Ideenfindung.
"Osborn nannte dies power of assoziation", erklärt Jörg Munkes. Als "kognitive Anregung" bezeichnen Psychologen diesen Vorgang.


Brainstorming bedeutet Wettbewerb

Eine weitere wichtige Annahme Osborns war, dass sich die Gruppenmitglieder während des Brainstormings in einer Wettbewerbssituation, "Rivalry" genannt, befänden. Jeder hat den Anspruch, besser zu sein als die anderen und verfolgt daher das Ziel, mehr Ideen als die scheinbare Konkurrenz vorzuschlagen. "Hier lag Osborn sicher richtig", bestätigt Jörg Munkes. Seine eigenen Untersuchungen zeigten, dass sich die Zahl der Ideen in einer Gruppe verdoppeln kann, wenn die Ideen jedes Teilnehmers gezählt werden und seine Leistung somit dokumentiert ist.


Osborns Regeln

Osborn legte folgende Regeln für das Brainstorming fest.
  • Je mehr Ideen desto besser
  • Je ausgefallener eine Idee, desto besser
  • Verbessere oder ergänze bereits genannte Ideen
  • Sei nicht kritisch

Diesen Regeln liegen zwei Prinzipien zugrunde:
  • Quantität führt zu Qualität
  • Die Bewertung der Ideen erfolgt getrennt von deren Produktion

Virtuell - real - nominal

Um die Vorgänge beim Brainstorming zu untersuchen, hat Jörg Munkes folgende drei Gruppentypen verglichen:
  • Nominalgruppe - Gruppe von Personen, die nicht miteinander kommunizieren, sondern getrennt Ideen suchen
  • virtuelle Gruppe - Gruppe von Personen, die über ein Computernetz ihre Ideen nennen, vergleichbar mit einem Chatroom
  • Realgruppe - Gruppe wie beim üblichen Brainstorming, die Mitglieder kommunizieren direkt, also face-to-face, miteinander

Die bisherigen Untersuchungen ergaben, dass die Realgruppe im Vergleich zu den anderen Gruppen erheblich schwächelt. Sie liegt mit fast 50 Prozent weniger Ideen im Hintertreffen.

Die Nominalgruppe, also der Gruppentyp, bei dem die Mitglieder alleine für sich im stillen Kämmerlein nach Geistesblitzen suchen, liefert in etwa gleich viel Ideen wie die netzwerkunterstützte virtuelle Gruppe.
Fazit: In der Realgruppe laufen zusätzliche, hemmende Prozesse ab. Diese wirken offenbar stärker, als die von Osborn angeführten positiven Faktoren kognitive Anregung und Wettbewerb.


Realgruppen: faul und blockiert

Ein Problem beim Brainstorming ist, dass immer nur ein Gruppenmitglied eine Idee äußern kann. Die Ideen werden somit sequenziell produziert, nicht parallel, sagt Jörg Munkes. Schon 1987 wurde diese so genannte "Produktionsblockierung" von Diehl und Stroebe als Hauptursache der niedrigen Leistung von Brainstorminggruppen identifiziert.

Produktionsblockierung tritt in der Praxis auch an anderer Stelle auf. Im Regelfall werden Ideen auf Zuruf von einem Moderator notiert. Werden kurzzeitig viele Ideen gesagt, kann es passieren, dass der Moderator mit dem Schreiben nicht mehr nachkommt. Die Teilnehmer müssen warten, bis sie neue Vorschläge nennen können, der Ideenfluss stockt.

Die Gruppenproduktivität leidet noch unter weiteren Faktoren. Jörg Munkes: Zusammengefasst handelt es sich um so genannte Koordinations- und Motivationsverluste.

Zu den Koordinationsverlusten zählen neben der Produktionsblockierung:
  • Bewertungserwartung
  • interpersonale Interferenz

Bewertungserwartung bedeutet, dass Gruppenmitglieder sich nicht trauen, eine Idee zu äußern, aus Furcht vor kritischen Kommentaren. Je heikler das Thema, desto größer die Zurückhaltung, so Jörg Munkes Einschätzung

Unter interpersonaler Interferenz versteht man die gegenseitige Ablenkung der Gruppenmitglieder. Der Gedankengang eines Teilnehmers kann durch Äußerungen anderer unterbrochen werden. Der rote Faden geht verloren und mit ihm die Idee.

Die Motivationsverluste umfassen:
  • Trittbrett fahren
  • soziales Faulenzen
  • Produktionsanpassung durch sozialen Vergleich


Ein Trittbrettfahrer hält seinen Beitrag zur Ideensammlung für entbehrlich, er beteiligt sich weniger am Prozess. Da dies in großen Gruppen oft nicht erkannt wird, bleibt sein Verhalten für ihn ohne Folgen.

Soziales Faulenzen bedeutet, dass sich der Einzelne bequem zurücklehnen und hinter der Gruppe verstecken kann. Die individuelle Produktivität ist nicht nachprüfbar.

Ähnlich verhält es sich bei der Produktionsanpassung. Der eine oder andere Teilnehmer hat nicht den Ehrgeiz, der Beste zu sein. Ihm genügt es, mehr zu tun als der vermeintlich Schwächste. Seine Beteiligung hat Alibifunktion, er dosiert seine Aktivitäten auf ein Minimum. Dadurch gehen der Gruppe Ideen verloren.  

Diese Faktoren beeinflussen das Brainstorming in Realgruppen umso stärker, je größer die Gruppe ist. Größere Gruppen erarbeiten zwar nicht beliebig mehr Ideen, in einem gewissen Rahmen sind größere virtuelle und Nominalgruppen aber leistungsfähiger. Realgruppen hingegen verlieren mit zunehmender Gruppengröße an Potenzial, da sich der Einfluss der beschriebenen Effekte verstärkt.

Virtuelle und Nominalgruppen unterliegen weder Koordinations-, noch Motivationsverlusten. Die anonyme Ideensammlung macht Bewertungserwartungen und interpersonale Interferenz hinfällig. Soziale Faulenzer können über Zähler oder ihre kaum beschriebenen Arbeitsblätter identifiziert werden.


Hang zur Selbstüberschätzung

Diese Vorgänge bleiben der Realgruppe während des Brainstormingprozesses verborgen. Sie neigen dazu, ihre Produktivität zu überschätzen. Fachleute sprechen in diesem Zusammenhang von der "Illusion der Gruppenproduktivität". Diese wiederum könnte die Leistung des Einzelnen ebenfalls drosseln, da die eigene Leistung als hoch eingeschätzt wird. Ein weiterer Beitrag zur Ideenlosigkeit im Gruppenbrainstorming.


Realgruppen in der Praxis zu groß

Die Gruppengrößen in der Brainstormingpraxis schwanken zwischen etwa vier und 15 Mitgliedern. Osborn hielt acht bis zwölf Teilnehmer für geeignet. Bei diesen Gruppengrößen wird die Ideenproduktion aber schon erheblich blockiert. Die Praxis widerspricht somit der wissenschaftlichen Erkenntnis wesentlich.


Nie wieder Brainstorming?

Was folgt aus Osborns Irrtum? Gruppenbrainstorming in der herkömmlichen und tausendfach praktizierten Variante macht keinen Sinn.

 Aber was ist zu tun, wenn keine computergestützte Ideensammlung, also keine virtuelle Gruppierung möglich ist? Jörg Munkes gibt folgenden Tipp: Brainstorming in Gruppen ist nur sinnvoll, wenn die Gruppengröße höchstens zwei Personen beträgt. Dann bleibt die Produktionsblockierung fast aus und die Bewertungserwartung und das soziale Faulenzen verlieren an Bedeutung. Auf die Praxis übertragen bedeutet dies, dass eine große Gruppe zur Ideensammlung in mehrere Zweierteams aufgeteilt werden sollte.

Die clevere Alternative zur Zweiergruppe ist die Nominalgruppe. Nachdem jeder Teilnehmer für einige Minuten in sich gegangen ist und Ideen gesammelt hat, treffen sich die Gruppenmitglieder von genialen Erleuchtungen erhellt und tragen ihre Einfälle zusammen.


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